Aggression, Weglauf, Verweigerung, was tu ich heute?
Aggression, Weglaufen, Verweigerung von Essen oder Pflege. Akut-Modus. Erst Sicherheit für alle, dann ärztliche Klärung, dann strukturelle Entlastung. Reihenfolge ist nicht verhandelbar. Wenn jemand sich oder andere unmittelbar gefährdet, gilt zuerst die 112. Alles Weitere hier ersetzt keine ärztliche Beratung, sondern hilft dir, die Lage zu ordnen.
Heute noch
- Eigene Sicherheit zuerst. Wenn akute Aggression: Abstand, ruhige Stimme, keine Konfrontation, kein Hand-Ringen oder Festhalten.
- Medizinischen Notdienst rufen, wenn Eigen- oder Fremdgefährdung droht: 116117 außerhalb der Sprechzeiten, im akuten Notfall 112. Polizei nur als letztes Mittel und nur wenn unmittelbare Gefahr.
- Bei Weglauf-Tendenz: Türsicherung mit Klebe-Streifen oder Glocke, Rolladen runter, GPS-Sender (Smartphone in Tasche, Tile, AngelSense). Erkennungsmarke mit Adresse einnähen oder ans Handgelenk. Wichtig: Bei einer rechtlich betreuten Person brauchen freiheitsentziehende Maßnahmen wie das dauerhafte Versperren der Tür eine Genehmigung des Betreuungsgerichts, das vorher klären.
- Bei Essens-Verweigerung erstmal nichts erzwingen. Lieblingsspeisen anbieten, Trinken in kleinen Schlucken. Verweigert die Person dauerhaft Essen oder vor allem Trinken, zögere nicht und ruf den Hausarzt an, bei alten oder geschwächten Menschen lieber früher als später. Wirkt die Person teilnahmslos, verwirrt oder trinkt gar nicht mehr, ist das ein Fall für die 116117, im Notfall 112.
Diese Woche
- Hausarzt für gerontopsychiatrische Diagnostik einschalten oder Überweisung zum Facharzt. Aggression im Demenz-Verlauf hat fast immer eine Ursache, und oft eine ganz banale: Schmerzen, Harnwegsinfekt, Verstopfung, zu wenig getrunken, entgleiste Blutwerte (Blutzucker, Salze, Schilddrüse) oder eine Medikamenten-Wechselwirkung. Das Ziel ist immer, die Lebensqualität zu erhalten und die Ursache zu finden, nicht die Person mit Beruhigungsmitteln ruhigzustellen.
- Medikamenten-Check beim Hausarzt ansprechen. Manchmal stecken Wechselwirkungen mehrerer Medikamente hinter dem Verhalten. Was eingenommen wird und was angepasst werden kann, entscheidet allein der Arzt. Bitte ihn ausdrücklich, die aktuelle Medikation im Hinblick auf das Verhalten zu überprüfen.
- Verhinderungspflege § 39 SGB XI aktivieren, damit du eine Auszeit bekommst, ohne dass die Versorgung kippt. Pflegekasse anrufen.
- Familien-Notfallplan schriftlich: wer ist erreichbar, wer fährt hin, welche Medikamente liegen wo. Diese Liste rettet die nächste Krise.
Nächste 2 bis 4 Wochen
- Tagespflege § 41 SGB XI organisieren. Strukturierter Tag mit ausgebildetem Personal entlastet zuhause sofort messbar, oft 4-8 Stunden pro Tag.
- Schulung zur Demenz-Begleitung über § 45 SGB XI besuchen, kostenlos für pflegende Angehörige. Zwei Termine reichen, um Verhaltens-Strategien zu lernen.
- Wohnumfeld anpassen: Stolperfallen weg, beleuchtete Wege nachts, einfache Beschriftungen für Tür/Schrank, Validation-Bilder. Wohnumfeldverbesserung bis 4.180 € nach § 40 SGB XI beantragen.
- Falls die Lage nicht stabilisiert: Aufnahme in eine Einrichtung nicht als Niederlage werten. Beschützender Bereich ist für manche Krankheitsverläufe der einzige Weg, der Würde erhält.
Wenn das Geld nicht reicht
- Verhinderungspflege als Teil der Standard-Leistungen ab Pflegegrad 2, kostet dich nichts wenn das Budget reicht (gemeinsamer Jahres-Topf mit Kurzzeitpflege bis 3.539 € seit Juli 2025, flexibel verteilbar).
- Ehrenamtliche Demenz-Begleiter über die Alzheimer Gesellschaft (lokal): meist 2-4 Stunden pro Woche, oft kostenfrei oder gegen Aufwandsentschädigung 8-15 €/Stunde.
- Härtefall-Antrag bei der Pflegekasse: Höherstufung außerhalb der regulären Punkt-Logik möglich, wenn besondere Bedarfslage besteht (§ 15 Abs. 4 SGB XI).
- Notfall-Hotlines: Demenz-Helpline 030 259 379 514 (Mo-Do 9-18, Fr 9-15), kostenlos und anonym, gibt sofort verwertbare Tipps.
Wenn du deine konkrete Lage mit jemandem durchgehen willst, der das System von innen kennt: ruf an, oder nimm dir das Klarheits-Gespräch, 30 Minuten Telefon oder Video, in dem wir deine Lage prüfen und die nächsten drei Schritte festlegen.
Bei akuter medizinischer Not die 112, bei Suizid-Gedanken die Telefonseelsorge 0800 1110111 (rund um die Uhr, kostenfrei). Diese Antwort ist eine strukturierte Praxis-Auskunft, keine Rechtsberatung iSd RDG und keine medizinische Behandlungsberatung iSd HWG. Verbindliche Entscheidungen bleiben bei den jeweils zuständigen Stellen (Pflegekasse, MD, Amtsgericht, Hausarzt).